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Archive for Dezember 2010

Wirtschaftsfluechtling

Nie sind mir so viele Menschen begegnet (genauer: Frauen) wie hier, die nach Beziehungsdramen in der Heimat die Flucht ergriffen haben. Das wird geografisch bedingt sein, solange die Mondfahrten noch nicht erschwinglich sind, kann man ja nicht weiter abhauen als einmal quer durch die Erde. Mein Lieblingsfluechtling war ganz klar die Amerikanerin, die ihre bereits durchgestylte Hochzeit kurzfristig abblies, als ihr Zukuenftiger nicht das adaequate Interesse fuer die Planung der Hochzeitsreise aufbrachte. Als Konsequenz tanzte sie sich durch die Melbourner Naechte, um anschliessend auf Bali ihren Koperper zu entgiften und sich dann ihre Brueste in Bangkok aufblasen zu lassen. Welch ein Reifeprozess, und alles nur wegen einer geloesten Verlobung! Bloed fand sie nur, dass alle Welt Parallelen zwischen ihrem Leben und dem Bestseller “Eat, Pray, Love” sah. Hm. Hiess ja nicht “Party, Detox, Pimp my Tits”. Die Menschen haben Assoziationen…

Fuer mich ist Australien keine Flucht, sondern eine Pause vom ganz normalen Reisewahnsinn. Mein Herz ist auch nicht gebrochen, aber es haengt mittlerweile. Nicht am Prinzip Australien, aber an Melbourne. Nach Wochen des Haderns und der wiederkehrenden Unzufriedenheit stellte ich die Frage, die wir in jedem Land einmal abhandeln: Koenntest du hier leben? Bloede Frage an und fuer sich, man kann ueberall leben, zumindest fuer eine bestimmte Zeit. Masus Antwort kam aber unerwartet uneingeschraenkt mit “Ja, klar!”. Und da ging mir das Flutlicht auf: Wohnung am Strand in einer der internationalsten Staedte der Welt, wo immer irgendwo eine Lieblingsband konzertiert und das “no worries, mate” allzeit bereit vorne im Mund liegt – natuerlich kann man hier hervorragend leben! Ohne es gemerkt zu habaen, war ich in Melbourne verliebt. Die traurige Wahrheit, warum ich es nicht eher gemerkt habe, ist das Geld bzw. Nichtgeld. In jedem der bisher bereisten Laender lag mein “Reichtum” sehr bis unvorstellbar deutlich ueber der lokalen Preisstruktur. Hier ist es umgekehrt. Ich fahre kein Taxi, gehe nicht in Restaurants, Kinotag ist Dienstag und chronisch underdressed bin ich auch. Dieses Mal ist das Hauptproblem, mit Leuten vor Ort in Kontakt zu kommen eben nicht, dass sie sich das nicht leisten koennen, was ich tue, sondern ich bin sozusagen selber der Malawier. Wenn das keine gewonnene Einsicht ist! Ueberwinde deinen eigenen Wohlstandschauvinismus. No worries, mate!

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Die verrueckte Teeparty

Ein neues Kapitel im Band “Dinge, die man mal erlebt haben sollte”: Weihnachten fernab der Heimat. Gut, Weihnachten im Sommer ist schon mal komisch. Viel komischer ist allerdings, dass Weihnachtsstimmung anscheinend wirklich klimatisch bedingt ist, heisst: Auch wenn das Umfeld christlich dominiert und europaeisch-nordamerikanisch gepraegt ist, tut sich bei fruehsommerlichen Temperaturen da gar nichts. Ab und an schallt auch hier im Supermarkt Wham! durch die Regale, an die eine oder andere Strassenkreuzung wird ein LED-Sternchen gehaengt und bei Aldi gibt es Marzipanstollen, das war es dann. Keine Weihnachtsmaenner, kein Geschenkemarathon, keine Tannenbaeume. Das muss nicht unangenehm sein, denn wer steht schon auf Konsumwahn? Ich komme mir trotzdem vor wie der verrueckte Hutmacher bei Alice im Wunderland und muss der Versuchung widerstehen, nicht jedem auf der Strasse zum Nichtweihnachten zu gratulieren.

Nun gibt es zum Glueck Menschen, die einen vor dem Sittenverfall zu schuetzen versuchen, und das sind in den allermeisten Faellen die Muetter. Meine versuchte, Essen ins Land zu schmuggeln. Das ist Hochverrat am Staate Australien, hier darf man nicht mal Dreck unter den Schuhen einfuehren. Jetzt sitzt also irgendwo ein australischer Zollbeamter und mampft meine Schokolade aus dem Adventskalender und Mama und Anni sind sauer. Liebe Mama, zu deiner Frage, was sie mit Immigranten tun, die vor der Einreise Milch getrunken haben: Die Saftschubsen desinfizieren einen noch vor der Landung mit einem Universalspray, das den Kontinent vor allem Schlimmen wie z.B. Hasenplagen bewahren soll. Ok, Weihnachtskulinaria einfliegen lassen ist also nicht. Was macht man in der Not? Weih-nachts-plaetz-chen backen! Fuer mich als grosses Backtalent eigentlich kein Problem, nur: kein Mixer. Ich mir drei Tage lang den Kopf zerbrochen, wie ich jetzt den Teig zusammengematscht kriege, bis ich den Supermarkt betrat und mir schlagartig wieder einfiel, dass ich mich im Land der Instantprodukte befinde. Ich kaufte Pulver und musste hinzufuegen: 1 Ei, ½ Tasse Milch, bisschen Butter. Feddich. Nach dem durchschlagenden Erfolg der Parkplaetzchen vom letzten Jahr gab es dieses Mal uebrigens, in Anlehnung an die Nachbarschaft, Golfplaetzchen. Schmecken so naja. Dafuer habe ich endlich ein Produkt gefunden, das in Australien billiger als in Europa ist. Lebensmittelfarbe. (Zusatzinfo fuer die Opfer vom letzten Jahr: die neue Farbe faerbt auch nicht so von innen…)

Gut vorbereitet also ab in den 1. Weihnachtsfeiertag, der sich dadurch auszeichnet, dass alles geschlossen ist. Soweit nicht ungewoehnlich, ist nur bloed, wenn man zur Feier des Tages mal kein Tiefkuehlgemuese, sondern etwas Fremdzubereitetes zu sich nehmen moechte, was nicht von der bekanntesten Fastfoodkette der Welt stammt. Masu explorierte also erstmal mit dem Fahrrad die nahegelegenen Fressbuden (oeffentliche Verkehrsmittel fallen ja aus) und kam veraengstigt wieder zurueck, weil er vermutete, dass eine hoehere Macht die Menschheit, zumindest die von Elwood, vollstaendig ausgeloescht habe. Zu zweit fuehlten wir uns staerker und liefen in die andere Richtung, wo uns gelegentlich angetrunkene Kleingruppen samt geschultertem Nachschub ein “Merry Christmas” entgegenbruellten. Eigentlich ist das alles reine Strategie, denn der Knaller kommt ja erst morgen: Boxing Day. Die Menschen schonen am 25. ihre Kraefte, um am 26. richtig reinhauen zu koennen. Ein uns bisher unbekannter Commonwealth-Brauch, eine Art Neustart. Boxing Day ist der ultimative Sommerschlussverkaufstag, wo die Geschaefte um fuenf Uhr morgens die ersten auf dem Gehweg campierenden Kaeufer auf die Wuehltische loslassen. Boxing Day ist der Tag, an dem die Saison der langweiligsten Sportart der Welt (Cricket) eroeffnet wird. Boxing Day ist der Tag, an dem die meisten Filme in die Kinos kommen. Boxing Day ist das wahre Weihnachten. Ich muss ins Bett.

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Have a devil of a time

Mein Name ist Trulla. Ich wohne in Tasmanien und gehoere Helga-Jane, die mich regelmaessig an fremde Leute verleiht, weil ich zum einen ein bestechendes Aeusseres habe und zum anderen ueber ein gut ausgestattetes Innenleben verfuege – bei mir ergaenzen sich Aussehen und Charakter einfach perfekt. Meinen Job mache ich gerne, nicht nur, weil ich nix anderes gelernt habe, sondern auch, weil ich mit Herz und Motor bei der Sache bin.

Ich bin es also gewohnt, mich mit Fremden abzugeben, meistens mit Touristen, die sich bei jedem toten Wombat am Strassenrand vor Verzueckung in die Hose pinkeln und staendig meinen Scheibenwischer mit meinem Blinker verwechseln. Das ist unangenehm, weil ich immer wischen muss und gleichzeitig keine Ahnung habe, wo ich hin soll. Diese Woche habe ich allerdings den Vogel abgeschossen und bekam zwei Bekloppte zugeteilt, die glaubten, sie seien ein und dieselbe Person, jedenfalls redeten sie sich immer mit demselben Namen an. Das Blinkerproblem dagegen war ihnen fremd, denn sie wussten sowieso nie, in welche Richtung sie wollten. Sie zwangen mich, mit ueber 100 Sachen ueber den Highway zu brettern und kilometerlang durch einen Schlaglochparcours zu keuchen, wobei sie mich anbruellten mit “Trulla, hau rein, wir duerfen offroad!” Sie trieben mir die Schamesroete in den Rueckspiegel, als sie den Mechaniker fragten, warum denn die Mikrowelle nicht funktioniere (Antwort: kein Strom). Sie erniedrigten mich, indem sie mir eine Weihnachtsgirlande vor den Kaengurufangkorb hingen, die mir zugegebenermassen gut stand, aber doch etwas zu bling-bling fuer meine eher konservative Einstellung war. Sie redeten staendig Englisch mit dem peinlichsten Tschoermen Eckzent ueberhaupt, vergassen den Kuehlschrank zu schliessen, gaben mir nix zu trinken und verlangten Unmenschliches von mir am Berg. Sie lockten Kuhherden an mich ran, machten sich ueber informative Strassenschilder lustig und rochen irgendwann auch noch streng. Sie schienen Kaltblueter zu sein, jedenfalls jammerten sie staendig ueber die unwirtlichen Temperaturen und trugen daher Tag und Nacht unsaegliche Nikolausmuetzen. Sie verloren alles, was nicht angetackert war, am liebsten Tesafilm und Feuerzeug. Sie lachten ueber Tasmanen, die nun einmal nicht aussehen wie der Standardmensch. Sie schafften es sogar, eine Kirche zu befaekalisieren (aus Versehen!). Sie benahmen sich einfach Tag und Nacht daneben. Aber: Sie liebten mich. Ich war ihr Bett, ihre Kueche und ihr Tasmanien. Zum Dank zeigte ich ihnen die wahre tasmanische Schoenheit, die denen verborgen bleibt, die sinnlose Zeit in Port Arthur vergeuden. Sind nicht die Coal Mines mit ihren kryptischen Infotafeln die wahre intellektuelle Herausforderung? Ist ein Hinterhofparkplatz neben den Gleisen nicht ein viel authentischerer Standort als ein Campingplatz? Ist ein bananenfressendes Wallabee nicht mindestens genauso viel wert wie ein Teufel im Zoo? Ist nicht jeder tasmanische Strand irgendwie der schoenste der Welt (ausser Wineglass Bay)? Und wer faehrt eigentlich nach Port Arthur, wenn er auch die Lavendula-Destillerie besichtigen kann? Was waere ein Regenwald ohne Regen? Was machen die Pinguine, wenn es dunkel wird? Am meisten konnte ich sie aber damit beeindrucken, dass ich tatsaechlich einen Tag fuer den beruehmten Cradle Mountain ausgewaehlt hatte, an dem NICHT die Sonne schien – das gibt es naemlich nur etwa 350 mal im Jahr.

Die Bekloppten verfuegten ueber eine nicht endenwollende sinnfreie Kommunikation, sowohl mit mir als auch untereinander. Ich habe selten so viel Schwachsinn am Band gehoert, mir klingelte die Hupe, die beiden schienen es zu moegen. Zu allem Ueberfluss dokumentierten sie ihre Verbaldiarrhoe schriftlich, foto- und videografisch, welch ein Souvenir! Ein Besuch im Wildtierzoo bewies, dass sie tatsaechlich debiler sind als ein Vogel: Beide stehen begeistert vor der Kakadu-Voliere und beschallen den armen Kerl mit “Aaaaanniiiiiiii. Sag Aaaaannniiii! Ja los, Aaaaaanniiiiii!” Er kriegt die Krise, faucht ein wenig und droht mit aufgestelltem Kamm, waehrend die beiden voller Verzueckung loben:”Ja was hat er da gesagt, hat er Hello gesagt? Ja fein, ja ganz fein!” Der unterforderte Papagei hinter ihnen schreit sich die Lunge aus dem Hals mit seinem Hello, bis die Unterbelichteten mal auf den Trichter kommen, dass der Sprachbegabte nicht der Kakadu vor ihnen ist. Statt sich ordentlich zu schaemen, fangen die beiden an, mit dem Papagei zu tanzen. Und zu singen. Gut, dass ich auf dem Parkplatz geblieben bin.

A propos Vogel abschiessen: Haben sie natuerlich am letzten Abend auch noch geschafft…

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Achtung, ein Reisetipp!

Normalerweise halte ich mich mit konkreten Reiseempfehlungen und -warnungen ja sehr zurueck, aber heute kommt ein wertvoller Tipp. Nischentipp, zugegebenermassen, aber im Zweifel lebensrettend.

Fuer eine Woche nutzten wir den Service von Rent a Bomb, fuer wenig Geld ein kurz vor schrottreifes Auto zu fahren, damit Masu auch seine neue Arbeitsstelle im Melbourner Niemandsland erreichen konnte. Wie es sich fuer ein Adventswochenende gehoert, ausflugten wir samstags in die Dandenongs zum “wandern” (i.e. netter Spaziergang), wo wir es fertig brachten, den Schluessel im Auto einzuschliessen. Was macht man da? Unauffaellig ums Auto rumschleichen – man will sich vor den umgebenden Picknickern ja keine Bloesse geben – und feststellen, dass Autolein wirklich einige Schwachstellen aufzuweisen hat, aber die Dichtungen sitzen 1A. Die Nummer von Rent a Bomb ins Handy tippen, um einen Hilferuf abzusetzen, und sich dann ueberlegen, dass der Autovermieter Australier ist und an einem Samstag seit 12 Uhr mittags wellenreitet oder alternativ einem Fleischgelage froehnt. Weiterhin unauffaellig alle weiteren verfuegbaren Schluessel ins Tuerschloss stecken und ein bisschen rumfriemeln und – Sesam oeffne dich! Der Briefkastenschluessel passt. Kein Witz. Bitte notieren: Holden Sedans, Baujahr 1985, lassen sich mit dem Briefkastenschluessel oeffnen. Ihr Marco-Polp-Insidertipp zum Nickelaus.

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Heiter bis wolkig

Also, hier ist ja auf der anderen Seite der Welt und damit Fruehling – falls ihr das vergessen haben solltet, bei euch ist noch Herbst. Fruehling heisst: Alles kann, nix muss. Bevor ich nach Perth geflogen bin, habe ich in Melbourne ernsthaft ueber die Anschaffung eines Regenschirmes nachgedacht, woraufhin ich mich bei lockeren 45 Grad in der Wueste wiederfand. Da ich ja nicht wie jeder normale Mensch als Warmblueter geboren wurde, sondern erst bei Aussentemperaturen gleich der Innentemperatur zu wahrer Aktivitaet finde, kam mir das nur entgegen. Nur Schnorcheln war doof, unter 27 Grad Wasser geht bei mir gar nix mehr seit dem Suedchinesischen Meer – bzw. nur sehr kurz. Anyway, schoen aufgetaut schlug ich in der Heimatbasis auf, um mir gleich im Anschluss noch die Great Ocean Road anzutun. Upps, Schuhe vergessen, zwei Tage nasse Fuesse. Wirste bekloppt! Gerne haette ich meine Treffen mit Becky und Till gefilmt, die ich ganz kosmopolit in der Melbourner Innenstadt empfing. Einer von uns zog sich immer um.

Aehnlich verhaelt es sich mit der weiteren Reiseplanung, der ich mich mit Passion widme. Nicht einfach, denn immer, wenn ich mich an eine Konstante gewoehnt habe, explodiert die mit leisem PUFF und zerreisst alle wohlueberlegten, strukturierten Chronologien und Kausalzusammenhaenge. Unsere Wohnung haben wir bis Ende Januar, Masu aber nur ein Visum bis Anfang Januar. Wir brauchen ein Visum fuer Indien, das dauert 10 Werktage. Da kann ich ja in der Zwischenzeit gemuetlich nach Tasmanien zum Teufel fliegen, Mist, geht nicht, dafuer brauche ich meinen Pass, und der ist beim indischen Konsulat. Ach, fuer Inlandsfluege nur den Fuehrerschein, wie nett. Dann trickse ich als naechstes die belgische Buerokratie aus und verlaengere meine Abwesenheit um einen laeppischen Monat, doch siehe da! Die Buerokratie schlaegt zurueck und damit auch meine Nepalplaene entzwei. Nach viel Schweiss und Traenen stehen zwei Dinge fest: Wir werden Anfang Januar nach Indien fliegen, und zwar nur nach Indien (Schweiss). Mein erster Arbeitstag wird der 28.03.2011 sein (Traenen).

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