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Archive for Januar 2011

Es gibt in Indien einen Ort, da gibt es keine Autos. Nach einiger Zeit in einer Stadt, in der die Sonne nicht im Meer versinkt, sondern irgendwie… verdampft, wo man sich den Inhalt des Taschentuchs nicht genauer ansehen sollte und in den Zeitungen steht “Die Teilnahme am morgigen Marathon sollte nicht die erste sportliche Betaetigung ihres Lebens sein.” (Brueller!), ist so ein Ort ein mehr als attraktives Reiseziel. Hach, war das schoen! Matheran. Ruhe, Bergluft, Tee und ein 1000-Teile-Pferdepuzzle (waren wir aber zu bloed zu). Hatte ich mir aber auch verdient! Vorher verbrachte ich gefuehlte drei Tage bei einem Mobilfunkanbieter, der SIM-Karten verkauft nach Angabe von Adresse, Geburtsgewicht und Ommas Schuhgroesse, der dann anfaengt, im Minutentakt lustige Bollywoodquizzes auf mein Handy zu veschicken und anschliessend die Karte zweimal wieder sperrt, weil – angeblich – die drei abgegebenen Passfotos nicht den aktuellen indischen Antiterrorbestimmungen entsprechen. Der Stimmungslage im Geschaeft nach zu urteilen scheint das aber kein Touristenproblem zu sein, sondern ein Rundumschlag der indischen Regierung. Fuehlt man sich gleich besser, als einer von einer Milliarde Betroffener. Nach Nichtklaerung des Problems konnte aber immer noch nicht in die Sommerfrische gereist werden, weil man da naemlich nur hin darf, wenn man vorher bezahlt. Dafuer bekam ich eine Adresse genannt, ganz indisch siebenzeilig (Strasse und Hausnummer, Hauptverkehrsader, Gebaeudename, Stockwerk, naechste geografische Referenz, Stadtteil, Postleitzahl, Stadt), suchte in Kooperation mit dem Taxifahrer und der ortskundigen Nachbarschaft eine Stunde lang the place to be, ueberreichte dem Vater von Bekannten des Schwagers nach Smalltalk die Kohle und erhielt umgehend eine Email mit weiteren Instruktionen. Da war ich schon so fertig, dass ich nach laeppischen 10 Minuten Schlangestehen am Bahnhof den naechsten Taxifahrer gluecklich machte, einmal drei Stunden bis Matheran, bitte. Seine Freude erlosch, als er realisierte, dass Matheran auf einem Berg liegt. Der Arme war kurz vorm Hyperventilieren. Serpentinen und dann noch dieser ganze Sauerstoff! Ich hoffe wirklich, er hat den Weg im Dunkeln zurueck nach Smogland unbeschadet gefunden. Und dann waren wir fast schon da, nur noch kurz eine Stunde die Rucksaecke von den Traegern im Stockdunkeln auf den Eisenbahnschienen bis zur Residenz schleppen lassen. Der Reisegefaehrte latscht als bekennender Schlangenphobiker mal wieder fast auf eine drauf. Ich zum Traeger: “Is it dangerous?” “Yes, very dangerous.” “Hm. Do you have tigers up here?” “Yes, many tigers. And leopards.” Jau, und auch Pferde. Und Handrikschas. Wie unser allerliebster Reisefuehrer sehr richtig bemerkte, ist es erstaunlich, dass niemand bisher eine Verbindung zwischen Zugtier und Karren gesehen hat, aber gut. “I am Lucky, and this is my horse.”

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Noch ein Reisetipp

Manch Reisender realisiert, dass der Sack auf dem Ruecken im Laufe der Zeit nicht leichter wird, weil man erst nach Aufbruch bemerkt, dass einem ueberlebenswichtige Dinge fehlen. Z.B. ein elektronisches Drumset. Da muss man kompensativ Sachen loswerden, entweder verschenken oder nach Hause schicken. Das Verschicken ist je nach Aufenthaltsort mehr oder weniger billig, Indien ist billig, aber chaotisch, daher hier die Anleitung zum Paeckchenversand.

  1. Man wird vor der Posttuer von einem Mann abgefangen, der sich als Paeckchenbeauftragter vorstellt und den Weg zum richtigen Schalter weist.
  2. Die zu verschickenden Sachen werden auf einer Waage gestapelt, die dann den korrekten Preis ausspuckt.
  3. Der Paeckchenbeauftragte erklaert einem zeichensprachlich, dass man ihm zu folgen hat.
  4. Man wird auf eine Verkehrsinsel vor der Post gefuehrt, wo man verzweifelt zu erklaeren versucht, dass man eine Versandkiste benoetigt.
  5. Der Paeckchenbeauftragte sagt, dass man bitte 20 Minuten warten soll.
  6. Man verliert die Geduld, speist ihn mit einem kleineren Geldbetrag ab und fluechtet zurueck in das schuetzende Postgebaeude.
  7. Der zweite Paeckchenbeauftragte betritt die Buehne und bringt Licht ins Dunkel: Versand drinnen, Verpackung draussen.
  8. Man fuellt ein Formular aus.
  9. Man kehrt zurueck auf die Verkehrsinsel und uebergibt die Sachen dem Verpacker.
  10. Man kopiert das Formular in einem nahegelegenen Kopierladen zweimal.
  11. Man kehrt zurueck zur Verkehrsinsel und stellt fest, dass es keine Versandkisten gibt, sondern dass die Klamotten in Stoff eingenaeht wurden.
  12. Man schreibt die Empfaengeradresse auf den Stoffbeutel.
  13. Man begibt sich abermals zum Postschalter und praesentiert den Stoffhaufen, muss aber noch mit Kugelschreiber den einen oder anderen Hinweis hinzufuegen. Buchstabendreher sind dabei ausdruecklich erwuenscht, es heisst unter allen Umstaenden “Regitrastion”. Airmail darf man normal schreiben.
  14. Man zahlt. Und betet.

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Hoehlenmenschen

Seit ich meine neuen Augen ausprobiere, entdecke ich erstaunliche Dinge. Vom Balkon im dritten Stock beispielsweise, wie eine Horde wuetender Menschen mit Holzlatten auf einen einzelnen eindrischt. Rapunzel ruft den Mann, denn solche Angelegenheiten sind ja irgendwie durch und durch steinzeitlich maennlich, aber mehr als schreien faellt dem auch nicht ein. Interessiert unten keinen, bis uns ein Glas runter”faellt”, da greift dann doch die Hotelsecurity ein und weg sind alle. Wir zittern uns dann so durch den Abend, denn das war Rohgewalt, die man nicht sehen will, wirklich nicht.

Was wir dagegen sehen wollen, sind Hoehlen, die fleissige Moenche irgendwann vor langer Zeit in den Berg gekloppt haben, inklusive Saeulen und Statuen und allem drum und dran – und alles aus einem einzigen Stueck! Sehr beeindruckend, Ellora und Ajanta. Fast noch beeindruckender als der moenchische Eifer waren allerdings die Kobesucher, wir waren naemlich bei weitem nicht alleine. 0,001 % der indischen Gesamtbevoelkerung war auch da, und hier trickst das Relative das Absolute aus! Das sind naemlich immer noch unfassbar viele Menschen, die sich durch die Hoehlen schieben. In der Masse zaehlt natuerlich das Leben des einzelnen nix mehr, deswegen wird gekaempft, um die naechste Treppenstufe, die schoensten Schuhe (die man vor den Hoehlen ausziehen muss) und ein bisschen Luft zum Atmen. Selbstredend gibt es das schoene Wort “Reissverschlussprinzip” nicht, man steht einfach immer irgendwo zwischen Stau und zaehfliessendem Verkehr. Die indische Situationsanalyse unseres Guides und Deutsch-Autodidakten fiel ungleich philosophischer aus: ”Die faulen Leute sind immer vorne.”

Ich bin mir nicht sicher, warum diese ganzen Menschen sich in Horden zu den Hoehlen aufgemacht haben, es kann jedenfalls nichts mit Besinnung an einem spirituellen (wahlweise hinduistischen, buddhistischen oder jainistischen) Ort zu tun haben. Am wahrscheinlichsten ist es, dass man dort gut ein paar Touristen anstarren kann, sie heimlich oder auf Nachfrage zu fotografieren (und diese Fotos danach zu verkaufen!) und sich ein Autogramm geben zu lassen. Ist lustig, nur nicht auf Dauer. Seither verlangen wir von Heimlichknipsern immer 10 Rupien, wollte aber noch keiner bezahlen, so schoen wie die Hoehlen sind wir dann doch nicht.

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Meine indischen Augen

Manchmal ist es ja so, dass man sich Dinge vornimmt im Leben, die einem ganz gross und ungeheuerlich vorkommen, und dann macht man sie und denkt sich “pah, das war jetzt aber nicht so spektakulaer”, sozusagen der Herr Tur Tur unter den Herausforderungen. Bei mir war das beispielsweise linksrum Autofahren. Dann gibt es auf der anderen Seite eigentlich winzige Dinge, denen man grosskotzig nur einen Blick aus dem Augenwinkel zuwirft und sie mal eben in der Werbepause zu erledigen versucht, bis man feststellt, dass es sich in Wahrheit um die kleinste Ratte mit dem laengsten Schwanz der Welt handelt, die einem den letzten Nerv und/oder Cent raubt. So verhaelt es sich gerade mit mir und meinen Fuessen.

Ich habe gelobt, meine Fuesse zu moegen, sie nicht mehr als verkrueppelte Haende oder nutzlose Schuhfueller zu betrachten, sondern als gleichwertige Koerperteile eines Gesamtkunstwerkes (hust). Ok, mir ist schon wieder ein Zehennagel abgefallen, aber das liegt sicher nicht daran, dass ich ihn nicht vorher lackiert hatte, sondern eher an extensiven suedostasiatischen Massagen, teilweise sogar durch attraktive tuerkische Fischjuenglinge. Was ist so schwer daran, sie anzunehmen? Sie haben mir ja nix getan, eher andersrum. Nun weiss ich es, Indien hat mich erleuchtet! Es liegt einfach daran, dass ich sie nicht sehen kann! Sie befinden sich knapp 180cm entfernt von meinen Augen, die leider seit einigen Jahrzehnten nicht mehr in der Lage sind, auf solche Entfernungen zu fokussieren. Mit entsprechenden Sehhilfen klappt das natuerlich ganz gut, aber Fuesse sind meistens nackig, wenn die Augen auch nackig sind. Aha, ich kann meine Fuesse also nicht leiden, weil ich sie nicht kenne, ein klassischer Fall von Xenophobie. Sowas ist ja heutzutage gar kein Problem mehr.

Ich begab mich in die kundigen Haende von Dr. Shroff und bat ihn, meine Fuesse statt am Ende meiner Beine an meinen Schultern anzubringen. Er hatte Einwaende, fand es unaesthetisch und wies mich auch darauf hin, dass man in buddhistischen Gegenden niemals mit Fusssohlen auf Menschen zeigen sollte, das haette ich auf meinen Reisen doch sicherlich, zumindest das doch wohl!, gelernt, und das sei mit Fuessen neben dem Kopf ja nun unumgaenglich, das ginge nicht. Als er das Unglueck in meinen Augen sah, seufzte er, faselte etwas vom Berg und vom Propheten und wackelte mit dem Kopf. Dann ging alles ganz schnell. Zwei zwergenhafte Sprechstundenhilfen ueberwaeltigten mich und schnallten mich auf einem Tisch fest, breiteten mehrere Laken ueber mich und schwenkten Weihrauch, waehrend sie mit ihren und meinen Ahnen wehklagten. Von oben sah ich bunte Lichter auf mich niederfahren, jaeh schob sich das Gesicht von Dr. Shroff in mein Blickfeld, der mit den Worten “smile, you are getting filmed” ein Skalpell zueckte, mir meine Augaepfel anritzte und Platz machte fuer ein Raumschiff, dessen Insassen mich mit Laserstrahlen beschossen. Als ich auf dem Planeten Metro Palace erwachte, oeffnete ich langsam meine Augen, schaute auf den riesigen Flachbildschirm an der gegenueberliegenden Wand und las Pa-Na-So-Nic. Wie war das moeglich? Wie konnte ich so kleine Buchstaben in so grosser Entfernung entziffern? Ein wohliger Schauer der Erkenntnis kam ueber mich, ich wackelte mit den Zehen und betrachtete liebevoll meine Fuesse. “Hi”, hauchte ich.

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Alles auf Anfang

Vor Indien als Reiseland wird gewarnt: Voll, laut, dreckig. Da muss ich definitiv hin, ich bin ja auch gerne im Sommer in Athen. Indien am Ende der Reise zu besuchen, ist entgegen der Meinung, die Reise verlaufe grundsaetzlich planlos und daher sei Indien ein Produkt des Zufalls, ein – Achtung! Konzept. Steigerung der Vorfreude auf zu Hause durch graduelle Veschlechterung der Lebensbedingungen. Und das geht so: Man geniesst ein paar aeusserst angenehme sonnige Tage in diversen Nationalparks Victorias, reinigt gruendlichst (auch symbolisch, natuerlich) die Bude und die Fuesse und laesst sich zum Flughafen kutschieren, rauscht so durch die Zeitmaschine und absolviert vier Flughaefen in zwei Tagen (Melbournesingapurkualalumpurmumbai), verliert auf ungeklaerte Weise einige Kilos an Gepaeck, shoppt noch einmal hier und da, es flutscht nur so, arrangiert die Abholung durch das Hotel und hat rums! erstmal ne Parkkralle am Taxi. Weil wegen nicht da eingestiegen wo richtiges Schild an der falschen Seite. Oder so. Ach ja, ich bin ja jetzt in Indien. Dann also mal den Polizisten schmieren und versuchen, alle Bilder, Erzaehlungen und Vorstellungen von der Festplatte zu loeschen, um nochmal ganz von vorne anzufangen.

Indien ist sehr gut zu mir! Indien hat die allerschoensten Taxen auf der ganzen Welt, serviert mir koestliche Dinge wie z.B. scharfe Salatgurken auf Marmeladenbrot oder Alu Mutter, was wesentlich angenehmer schmeckt als es anmutet, hat schoenes smoggy Wetter im Angebot, sehr viele kleine Menschen, und die spielen auch noch sehr ausdauernd… Cricket! Ich bin hin und weg. Ich habe zehn Wochen, und dann werde ich das Spiel verstanden haben. Masu behauptet, niemand haette die Regeln jemals verstanden, nur die Alten haetten auf dem Sterbebett die Erleuchtung, dass es einfach keine Regeln gaebe, aber dann ist es zu spaet und sie nehmen das Geheimnis mit ins Grab. Glaube ich nicht. Ich habe zumindest verstanden, dass es zwei Teams auf einem Spielfeld gibt. Auf einem durchschnittlichen Mumbaier Spielfeld stehen 87 Mannschaften, die alle gleichzeitig spielen. Das ist sehr huebsch anzuschauen, ein bisschen wie die Gnus in der Serengeti, die auch alle einem undurchschaubaren System folgten, nur fuer den Zuschauer riskanter wegen der hohen Anzahl von fliegenden Baellen. Bloss die Sache mit dem indischen Kopfwackeln ist noch schwierig, heisst das nun ja oder nein oder vielleicht oder einfach nur “keine Ahnung, ich wackel mal ne Runde”??? Es bleibt spannend…

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