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Archive for Februar 2011

Man kommt nicht um sie drumrum in diesen bewegten Zeiten: die Demokratie. Die arabischen Voelker haetten sie gerne, Belgien braucht sie irgendwie nicht so wirklich und Italien nuetzt sie nicht viel. Selbst in der BRD wird geschludert, der Verteidigungsminister vergisst in seiner Diss die Fussnoten, mein Lieblings-EU-Parlamentarier Honorarzahlungen in seiner Steuererklaerung, kann ja alles mal passieren! Wer ist eigentlich die Nummer Eins unter den Demokratien? The Economist sagt, das sei Norwegen. Aha. Da laeuft’s ja meistens besser als woanders, keine grosse Ueberraschung. Und welches ist die groesste? Muss man jetzt auch nicht lange rumraten, China kann’s nicht sein, dann ist es wohl Indien. Ich musste mir erstmal gehoerig auf die Zunge beissen, wenn hier die groesste funktionierende Demokratie der Welt propagiert wird – wie kann man behaupten, eine Demokratie funktioniere, wenn ein Grossteil der Bevoelkerung ueberhaupt nicht die Grundvoraussetzungen dazu hat, daran teilzunehmen? Freie und geheime Wahlen stellen Analphabeten vor enorme praktische Probleme; Zugang zu Informationen ist keine Selbstverstaendlichkeit, wenn man auf dem Buergersteig wohnt; und wer profitiert denn tatsaechlich von den gesellschaftlichen Veraenderungen, fuer die wir die Unannehmlichkeiten der Demokratie ueberhaupt auf uns nehmen?

Dank des ersten Regens, den ich in Indien erleben durfte, landete ich in einem – huch!- Museum. Gandhi. Und ueberhaupt die gesamte indische Unabhaengigkeitsgeschichte bis 1948, und als ich so vor diesen ganzen Tafeln stand, ging mir auf, dass es nicht um die perfekte Demokratie geht, sondern darum, dass es ueberhaupt eine gibt. Und das ist, nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft, in einem sprachlich und religioes vielfaeltigen Land mit einer schier unglaublichen Anzahl von Menschen doch wirklich ein Wunder! Und natuerlich, dass ein kleiner, duenner Mann in Holzsandalen einen grossen Anteil daran hat.

In Pondicherry gibt es neben Croissants und Polizisten mit roten Hueten einen sehr beruehmten Ashram. Sri Aurobindo, ebenfalls Unabhaengigkeitskaempfer, fand seinen spirituellen Zwilling in einer Franzoesin, die man “die Mutter” nennt, und praktizierte mit Leidenschaft integrales Yoga. Was das nun genau ist, konnte auch mein Besuch des Ashrams nicht klaeren, trotzdem gewann ich interessante Einblicke in den Totenkult. Die beiden Gurus sind naemlich beide oeffentlichkeitswirksam im Innenhof des Ashrams bestattet, wo sich dann die Besucher je nach Beduerfnis drauf werfen und beten koennen. Mir war nur nach Zugucken, da wurde ich allerdings darauf hingewiesen, dass mein Koerper sich nicht im korrekten Winkel zum Grab befand, also bitte! Der Rueffel trieb mich in das Informationszentrum, wo ich mich aufgrund der Touristendichte nicht in der Lage sah, mich ausfuehrlich in das Thema transzendentales supramediales integrales Yoga einzulesen, dafuer aber folgenden Satz aufschnappte (kein Zitat, keine Fussnote, is klar, oder?): Das schlimmste Verbrechen, das man Kindern antun koenne, sei, sie in der Obhut von Dienern zu lassen, da diese von vulgaerem Wesen seien und dies unbeabsichtigt auf die Kinder uebertragen wuerden. Danke, auf Wiedersehen.

Das hier ist fuer alle Muetter:

Zweiter Versuch: Auroville. Ein Projekt, eine universelle Stadt, eine Utopie. Alles, was Touristen zu sehen bekommen, ist das spirituelle Zentrum der (noch zu bauenden) Stadt, eine Art goldener Riesengolfball, in dem man angeblich lernen kann, sich zusammen mit einem grossen Kristall zu konzentrieren. Angeblich funktioniert das Konstrukt ganz wunderbar, angeblich sind alle happy. Ich weiss es nicht, aber ich wuerde es gerne wissen. Oder zumindest glauben, dass es wahr ist.

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Der Doktor und das liebe Vieh

Vor der Reise habe ich angenommen, dass eines der Ziele darin besteht, dem Tod regelmaessig von der Schippe zu springen. Mein Medikamentenkoffer ist in Groesse und Ausstattung ziemlich beeindruckend und durchaus auch nuetzlich. Mit den Spritzen kann man prima Katzenbabies fuettern und mit Pflastern Moskitonetze reparieren. Zum Glueck und leider reichen meine Krankheiten aber nicht aus, um das Tablettenarsenal wenigstens ansatzweise zu dezimieren: “loose motions”, wie die Inder so schoen sagen, oder grippaler Infekt der oberen Atemwege, sonst bin ich immer pumperlgsund. Ich verkuehlte oder verwaermte oder versmogte mich also in den fensterlosen Bussen in Kerala, mein mitgebrachtes Breitbandantibiotikum erschien mir fuer diesen Fall leicht uebertrieben, dann doch lieber leiden. Meine Herbergsmutter entschied aber, dass ein Gang zum Arzt angemessen sei, und sobald das Wort “Ayurveda” ihren Mund verlassen hatte, war ich Feuer und Flamme fuer diese grandiose Idee. Ayurveda, das ist doch das, wo man in flauschigen weissen Bademaenteln auf Teakholzmoebeln gebettet wird und dann ein warmer Strahl Kraeuteroel sanft ueber die Stirn… mein Kopf war eine einzige 5-Sterne-Wellness-Broschuere. Ja bitte, einmal Ayurveda fuer die oberen Atemwege. Der behandelnde Arzt schien auf jahrhundertelange Erfahrung zurueckzublicken, hatte sichtbar noch drei Zaehne, rauchte filterlose Zigaretten (gutes Zeichen, da kennt er sich ja mit obstruktiver Bronchitis, Sinusitis, Paradontitis bestens aus) und hatte in seinem Wartezimmer den Fernseher auf 180 Dezibel gestellt, damit auch ich mit meinen verstopften Ohren dem WM-Cricketspiel problemlos folgen konnte. Die Behandlung erfolgte durch seine Ehefrau – ein unglaublicher Gluecksfall, wie sich sofort herausstellen sollte – in einem angenehm durchluefteten Raum mit zwei Tischen, beide mit einer Art Linoleum bezogen. Frau Doktor verlangte Komplettentkleidung. Misstrauisch aeugte ich durch das weit geoeffnete Erdgeschossfenster auf die spielenden Kinder, schloss dann aber infantile Erblindung durch den Anblick eines Europaeerpos aus und machte es mir auf einem der Tische unbequem. Die Frau hatte ganz klar noch nie einen Prospekt ueber ayurvedische Massage gesehen, die kannte sich gar nicht aus! Statt angewaermtes Kraeuteroel langsam ueber meine Stirn laufen zu lassen, kippte sie ungefaehr zehn Liter ueber mir aus und begann damit, die Suppe von mir auf den Tisch zu flitschen. Fehlende Gruendlichkeit konnte man ihr nicht vorwerfen, hoechstens einen Denkfehler bei der Reihenfolge: nach Salbung der staubigen Fuesse kam der Kopf dran. Es verlangte mir einiges an Konzentration ab, mich angemessen zu entspannen, waehrend Helga energisch Koerperteile flitschte, die normalerweise nicht kommerziell angefasst werden. Die Oelumverteilung im Raum und meine unkontrollierbar glitschenden Gliedmasse verleiteten mich ausserdem zu der Vision, wie ich lautlos als Sardine vom Tisch gleite und ins Wartezimmer floate, wo mich der Doktor mit leisem Gloeckchenklingeln aus der Schwerelosigkeit und in die ewige Gesundheit holt. Quatsch, nach 45 Minuten war “Finish!”, Shivaseidank eine Dusche und ab zur Bezahlung. Waehrend ich auf meinen 1-Euro-Ayurveda-Hustensaft wartete, smalltalkte ich mit den naechsten Patienten: “Und ihr so, auch zur Ganzkoerpermassage?” “Noe, wir lassen uns nur ein bisschen Oel ueber die Stirn laufen.” Pffft, Ketzer, Warmduscher, Touristen! Ayurveda ist kein Wellness, Ayurveda ist Medizin. Yoga ist kein Sport, Yoga ist eine Philosophie. Und der Tempel von Madurai ist ein Supermarkt. Verrueckte Welt!

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Bleibt alles anders

Ueber Indien habe ich mich vorher mit sehr vielen Leuten unterhalten, mit entsprechend vielen Bildern, Erwartungen und Respekt bin ich angekommen, und nun ist es Zeit, auf die erste Halbzeit Deutschland-Indien zurueckzublicken. Es ist sehr schwierig, es zu beschreiben, weil eben wirklich alles anders ist. Es ist schleichend ueberwaeltigend. Es ist nicht das Gefuehl, das einen schwer atmen laesst, wenn man im Grand Canyon steht oder eine BBC Reportage ueber die Antarktis sieht oder Cathy Freeman auf dem Marine Drive in Mumbai trifft. Es ist der Fluss, der staendige Wandel, das “nichts ist so wie es scheint”. Mulholland Drive in Endlosschleife. Es ist immer voll, immer heiss, immer dreckig. Und im naechsten Moment ist es immer das Gegenteil. Ich sehe das schoenste und das haesslichste in einer Minute. Im Tempel beten Menschen mit einer Hingabe, die mir in diesem Wust aus Farben, Geschrei, Essens-, Fuss- und Raeucherstaebchengeruechen voellig unmoeglich erscheint. Im groessten Strassendreck sind die Saris am buntesten und die Fusskettchen am melodischsten. Die Inder ruehren mich zu Traenen, weil sie die hilfsbereitesten Menschen der Welt sind, die Inder treiben mich zur Weissglut, weil sie die unfreundlichsten Menschen der Welt sind, die Inder bringen mich zum Lachen, weil sie die komischsten Menschen der Welt sind. Und alle scheinen in der Mitte, im Zen, im guten Karma oder sonstwo zu schweben, waehrend ich in meiner inneren Gummizelle von einer Wand zur anderen geschleudert werde. Sobald ich glaube, ein System im Chaos entdeckt zu haben, kommt ein Inder mit Hammer und Sichel um die Ecke und haut mein Weltbild mit einem froehlichen Kopfwackler wieder kaputt.

Wir haben mit Vikram in Hospet Cricket gelernt (in Theorie und Praxis), mit Beena Elefanten mit ueberdimensionierten Knallkoerpern aus ihrem organischen Bananengarten vertrieben, mit Sib in Bangalore unsere Bowlingkarriere gestartet, mit Borat (rein aeusserliche Aehnlichkeit) in Wayanad “Jede Zelle meines Koerpers ist gluecklich” gesungen, mit Klaus in lila Batikhosen einem rituellen Trance-Fest in Kannur beigewohnt, und tausendfach auf die wichtigste Frage ueberhaupt geantwortet:

“What is the name of your country?” – “Ulf.” – “?” – “Nee, Quatsch, Germany.” – “ Aaaah, Steffi Graf.” – “Oh yes, good old Steffi.” – “And Hitler.” – “Aeh, yes, irgendwie aber auch nicht so ganz, difficult story, aber in the end dann doch yes.” Adolf scheint hier einen einigermassen wertfreien Platz in der Weltgeschichte eingenommen zu haben, zumindest wird der Transfer Hitler = Nazi ergo alle Deutschen = Nazis nicht geleistet. Nachdem man dann einen ganzen, perfekten Tag mit fantastischen Menschen verbracht hat, will man ihn natuerlich mit Karamellpopcorn und Blaubeereis im Kino beenden. Einwortsatztaschenkontrolle am Eingang, die mich auf die Palme bringt:

“Bag!”

“Yes, this is my bag.”

“Open!”

“Sure, would you like me to open my bag? No problem, come and see my shop!”

“Camera!”

“Correct, this is a camera, I am carrying it around to record Hindi films so that I can sell them back in Germany.”

“Go!”

“Thank you, it was lovely meeting you too. Have a nice evening without any Karamellpopcorn or Blaubeereis!”

Am naechsten Tag werde ich im Wasserfall baden, 13 Stunden ohne Stossdaempfer Bus fahren, getrocknete Kokosnuesse geschenkt kriegen und mit Maeusen in einem Hausboot uebernachten. Es ist alles wunderbar, ein bisschen magisch und ein bisschen zu viel. Und, unerwarteter Weise, gibt es dann doch eine logische Konsequenz aus der Unlogik: Ich habe Halsschmerzen bei 35 Grad.

P.S.: Frau Reich-Ranicki kraechzt leise eine Buchempfehlung: Aravind Adiga, Der Weisse Tiger.

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Ohrentag

Eines Tages am Strand sprach Masu ein netter junger Mann an, dass er da etwas am Ohr habe. Masu, von soviel Aufmerksamkeit ueberrumpelt, bedankte sich und hatte sofort einen Stiel im Ohr, denn der junge Mann hatte festgestellt, dass da ein groesseres Problem vorlag. Schicksalsergeben setzte Masu sich und hoerte zu, wie mit lauten Jubelrufen immer neue Objekte aus seinen Ohren willkommen gehiessen wurden: Schmand (Entschuldigung), Sand, Steine. Ich kicherte aus einiger Entfernung schadenfreudigst, allerdings nur so lange, bis ich selber einen Ohrenputzer an der Backe hatte, der sich zunaechst mit Referenzfotos bruestete und dann sachkundig mit Blick nach oben feststellte: “Inside ok, outside dirty!” Meine hoeflichen Ablehnungen nutzten nichts, er hatte sich bereits in meinem Ohr verbissen, woraufhin die Situation eskalierte… Masu trommelte hysterisch mit den Fuessen und jammerte “be careful, I had an ear surgery”, was sein Putzer gekonnt ignorierte und mir stattdessen versuchte, seinen Ohrendreck schmackhaft zu machen: “Looklook Madam, all this dirty!” Ich konnte mich aber nicht konzentrieren, weil an meinem Ohr weiterhin ein Inder hing, der sich nicht abschuetteln liess, bis es laut und deutlich wurde: “Fass! Meine! Ohren! Nicht! An!” Da hatte ich dann Zeit, mich ausgiebig zu ekeln, waehrend der Preis entsprechend des Upgrades von einer einfachen Ohrensaeuberung auf ein Ohrenspa samt Oelbehandlung ins Unermessliche stieg. Masu murmelte fuer den Rest des Tages vertoert vor sich hin: “Ich hatte Steine im Ohr. STEINE im Ohr…”

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I’m in Goa, bitch!

Goa ist speziell. Meine erste Assoziation war “Hilfe! Kuta reloaded‘, stimmt aber nicht, hier sind gar keine Australier. Die Spezie des Goaurlaubers ist schwer zu definieren, es bewegt sich zwischen wenig froehlich gestimmten russischen Pauschaltouristen und unterernaehrten Dauerhippies mit glasigem Blick. Dazu kommen natuerlich die indischen Kurzurlauber, denen es ueberhaupt nichts ausmacht, zu Zehntausenden auf Muellbergen zu sitzen und den Sproesslingen beim Bananariding im trueben Wasser zuzuschauen. Morgens beim Muesli-Fruehstueck sitze ich gemuetlich auf der Strandterrasse eines Cafes, waehrend unten ein aelterer Herr mit Geschirrtuch auf dem Kopf und Leopardenstring um die Hueften am Wasser entlangjoggt. Guten Morgen! Ich schaffe es leider nicht, den Sommersonnestrand-Filter anzuschalten und meinen ausgeleierten Bikini auszufuehren, da kriege ich nicht nur Sonnenbrand von, sondern auch ein schlechtes Gefuehl. Indische Frauen in Saris sind einfach tausendmal schoener und wuerdevoller als weiss-pinke Popos in zu kleinen Hosen, und wenn die dann noch auf penetrante Verkaufsversuche mit “go away” reagieren, kriege ich Wuergereiz. Was wirklich Spass macht, ist Mopedfahren. Mit unwesentlicher Verspaetung habe ich meinen Rollerfuehrerschein gemacht, und es ist tatsaechlich nicht schwerer als Fahrradfahren. Mein Beifahrer war anscheinend maessig entspannt, denn kurz darauf beschloss er, dass er nun auch Motorradfahren kann und seitdem ist es mit Rollerfahren vorbei, wir gehoeren zur cool crowd. Abends wird ja in Goa angeblich sehr wild gefeiert, so mit kuenstlich erzeugten psychedelischen Farben und so. Wir haben es wirklich versucht, nur sind die Parties so gut versteckt, dass man eigentlich nur Menschen auf dem Weg trifft, die orientierungslos auf ihren Rollern ueber Feldwege hoppeln und dabei versuchen, souveraen auszusehen. Vielleicht hilft bei der Suche auch Drogenkonsum, der recht wahllos angepriesen wird. Eine etwa siebzigjaehrige britische Lady zum Haendler: “Thank you very much, we don’t smoke that stuff.” Fazit: Grandioses Pflaster fuer soziologische Studien, die schoensten Straende gibt’s woanders.

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