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Archive for März 2011

Om mani padme hum

Im Zuge seiner Ruecktrittsankuendigung von den politischen Aemtern bat mich der Dalai Lama um eine Audienz. Kein Ding, ich komme doch gerne und helfe, wo ich kann! Angekommen in Exil-Tibet (Dharamsala, Himachal Pradesh) musste ich jedoch feststellen, dass es sich um ein Missverstaendnis handelte: Er wollte gar nicht mit mir ueberlegen, wie er nicht der naechste Gaddafi werden koennte, sondern vielen Menschen ein bisschen was ueber der Buddhismus beibringen. Kann auch nicht schaden. Fuer die Teilnahme an so einer Veranstaltung muss man sich erstmal registrieren lassen, keine grosse Sache, allerdings pupste ein ukrainischer Kameramann so dermassen die Bude voll, dass der Registriermann erstmal draussen Luft schnappen musste. Gut, dass es keinen Geruchsblog gibt.

Neben der Eintrittskarte soll man ausserdem mitbringen ein Kissen, ein Radio und eine Tasse. Kissen ist klar. Im Tempel gibt es keine Stuehle, und Blasenentzuendung findet niemand gut. Findige Besucher haben ein Ritual etabliert, das man eigentlich nur von den All-Inclusive-Teutonen kennt, die Lakenreservierung. Im Tempel schmeisst man nicht sein Ikea-Handtuch auf die Liege, sondern ein mit seinem Namen versehenes Kissen auf den Boden, moeglichst an eine Stelle, von der man sich die beste Sicht und/oder den hoechsten Sitzkomfort verspricht. Wir wussten nichts von diesem Habitus und latschten morgens einfach sehr frueh mit Decke zum Tempel, fanden ein freies Eckchen und meditierten so vor uns hin, bis zwei Stunden spaeter eine Franzoesin zwischen zusammengepressten Lippen hervorzischte, dass sie diesen Platz bereits vor zwei Tagen reserviert habe. Schon ganz benebelt von der ganzen Spiritualitaet wollte ich selbstlos das Territorium raeumen, als sie sich ihrer Freundin zuwandte und sich mal kurz ungefiltert in Landessprache ueber uns ausliess, was mich in meinen Lotussitz zurueckplumpsen liess. Bisschen mehr buddhistische contenance, madame! Tatsaechlich hatte nach wenigen Stunden jeder einen Platz gefunden, und soweit ich es ueberblicken konnte, lief es ohne Traenen, Blutvergiessen und urinales Reviermarkieren ab. Kaum sitzen alle, stehen sie wieder auf fuer den Dalai Lama. Der sieht aus wie im Fernsehen und spricht das herzallerliebste asiatische Englisch, wo es nicht so sehr auf Verben oder Artikel ankommt. Ich hatte angenommen, dass ich vor Ehrfurcht erstarren wuerde, aber der Herr Lama ist einfach ein sehr netter aelterer Herr, dem viele Dinge im Leben Freude bereiten. Er findet es z.B. sehr lustig, dass ein Mensch auf einem Elefanten reiten kann, der Mensch ist ja viel kleiner als der Elefant, nur ein kleines bisschen schlauer: “People can ride elephant, man is sooo small, but soooo intelligent, sooooo intelligent!” Da lacht er sich tot und der ganze Tempel muss mitkichern. Da aber viele Tibeter gekommen sind, darf der Dalai Lama nicht die ganze Zeit Englisch reden, sondern tibetisch. Als Nichttibeter dreht man einfach das Miniradio auf die passende Frequenz und kriegt einen Uebersetzer auf die Ohren, der keinen leichten Job hat, weil der Dalai Lama anscheinend auch auf tibetisch gerne mal fragmentarisch spricht und ab und an auch mal einen Witz auf Englisch einschiebt, den der Uebersetzer dann automatisiert einfach ins Tibetische dolmetscht, was man selber aber nicht so schnell mitkriegt und dann ist auch schon wieder zu spaet. Egal, Dalai Lama freut sich. Zwischendrin wird nochmal Pause gemacht, kurzes Trinkgebet und dann schenken die Kochmoenche Tee aus. Supi, da haben wir doch schon stundenlang mit der Tasse in der Hand drauf gewartet! Problem is, is Buttertee. Einfach mal zu Hause nachmachen, Butter im Topf schmelzen lassen, Schuss Milch dazu und trinken. Koestlich!

Ansonsten waren wir als Anfaenger-Buddhisten mit der Thematik etwas ueberfordert, fanden es aber wirklich sehr nett, dass wir dabei sein durften. Ueberhaupt kann man jeden Tag in den Tempel gehen und den Moenchen zuhoeren, die unglaubliche Toene produzieren koennen. Oder DVDs ueber Tibet gucken, weil man sich mal wieder total uninformiert fuehlt. Oder ins Museum gehen. Oder in die Berge wandern. Oder Souvenirs kaufen. Oder sich auf das Ende vorbereiten.

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Endspurt

Von den Andamanen nach Kolkata fliegen kommt der Vertreibung aus dem Paradies gleich. Auch wenn ich nun einige grosse indische Staedte gesehen habe, war Kolkata hart. Es gibt diese Momente in Indien, wo die Grenzen des Ertraeglichen ueberschritten werden – und ich bin nicht zimperlich. Die Mischung aus Hitze, Gestank, verlogenen Taxifahrern, Lautstaerke, Uebermuedung machte mich so unglaublich duennhaeutig, dass ich diese Kinder nicht anschauen konnte. Ich kann das Gefuehl nicht beschreiben, vielleicht ist es die Erkenntnis, dass es tatsaechlich verlorene Seelen gibt.

Der Touristenquote der indischen Bahn sei Dank konnte ich der Hoelle am selben Abend nach Varanasi entfliehen. Varanasi, die heilige Stadt der Hindus, das klingt doch nach Erloesung. Wenn also ein verstorbener Hindu zwischen Fluessen Varuna und Assi am Ganges verbrannt wird, ist das eine gute Sache, weil dann die Seele auf eine hoehere Ebene als ueblich kommt (kompliziert, man kommt zwar nicht gleich in den Himmel, aber sozusagen kurz davor). Das finden nun auch viele Touristen spannend, und die Geschaeftemacher in Varanasi beherrschen virtuos das Spiel der spirituellen Erpressung. Ist man nicht gewillt, den angeblich ueblichen Preis fuer Dientsleistung xy zu zahlen, wird man darauf hingewiesen, dass das nun aber ganz schlecht fuer das eigene Karma sei. Erstaunlicherweise funktioniert die Erzeugung von Unwohlsein sogar, obwohl ich gar nicht genau weiss, was ein schlechtes Karma genau fuer Konsequenzen fuer mich haben kann. Ein Mann (Funktion ungewiss) wies mich darauf hin, einer Omi Geld zu geben, damit sie sich zu gegebener Zeit auch genug Holz fuer ihren Scheiterhaufen kaufen kann, und war dann mit meinem gespendeten Geldbetrag nicht einverstanden (also, nicht die Omi war unzufrieden, sondern ihr… sagen wir Sohn). Er wuenschte mir schlechtes Karma. Ich wuenschte ihm eine Wiedergeburt als Schalke-Fan. Waehrend all dieser Spiraenzchen steht man vor den brennenden Leichen, und da ich in meinem Leben noch keine Kremation live gesehen hatte, war ich wirklich mehr als beeindruckt. Zum Glueck hatten wir jemanden zur Seite, der den anfaenglichen Ekel mit seinen Erklaerungen mindern konnte. Ich meine, man SIEHT, wie die Leichen brennen, man sieht alles. Unser provisorischer guide war ein Oesterreicher, der seit mehreren Jahren als Guru in Indien lebt und den wir in unserem Hotel trafen, wo er seinen Opa mit ayurvedischer Medizin von einem Schambeinbruch zu kurieren versuchte, den er sich bei seinem elften Indienurlaub bei einem Sturz zugezogen hatte. Waere der Guru nicht ganz so wild im Gesicht bemalt gewesen, waere die Geschichte weniger absurd und ich haette ausserdem nicht nonstop darueber nachdenken muessen, dass Aschermittwoch ist. Egal, ansatzweise haben wir die Verbrennungsgeschichte nun verstanden.

Eigentlich suchen wir zum Ende der Reise mehr Entspannung als Aufregung, daher ging es schnell weiter in die Berge. Ueber das Transportwesen in Indien habe ich mich ueberhaupt noch nicht gebuehrend ausgelassen, dabei ist es doch ganz grosser Sport! Teil 1: Bahnfahren (nachts), Varanasi-Delhi, Liegewagen unklimatisiert, 14 Stunden. Zuerst unterschreiben wir bei einem Polizisten, dass wir auf unserem Gepaeck schlafen und von niemandem Essen oder Trinken kaufen werden, weil wir naemlich sonst vergiftet werden. Aha. Ich stelle fest, dass meine Fensterscheibe leider nicht vorhanden ist und kleide mich im Zwiebelsystem. Nachdem sich alle Kinder beruhigt haben, falle ich in leichten Schlaf. Ich erwache im Halbstundentakt, da das Zwiebelsystem unwirksam ist und ich zittere. Gegen 4:30 hat ein Mitreisender Lust, mal ein bisschen Musik zu hoeren. Leider hat er seine Kopfhoerer vergessen und ich habe meine gerade an eine Estin verschenkte. Ich hopse in meinem Schlafsack zu ihm rueber und frage ihn, ob es ihm sehr viel ausmachen wuerde, die anderen 80 schlafenden Waggoninsassen mit Justin Bieber zu verschonen. Seine Antwort: “What is the problem?” Eine Viertelstunde spaeter betritt der Teeverkaeufer die Buehne, der mit angenehmer Bassstimme “Chaaaaai, chaichaichaichaaaaaai!” durch den Wagen bruellt. Kein Wunder, seine Kunden muessen ja erst geweckt werden, bevor sie konsumieren koennen, da muss man was lauter werden. Dass wir seinen Tee nicht trinken duerfen, weil wir sonst sterben, weiss er nicht. Es folgt ein blinder Saenger (in jedem Zug gibt es genau einen blinden Saenger). Die Sonne geht auf, ich friere weniger. Frisch und ausgeruht, nach Blumen duftend, verlasse ich den nur um zwei Stunden verspaeteten Zug. Teil 2: Busfahren (nachts), Delhi-Dharamsala, Sitzplatz unklimatisiert, elf Stunden. Darueber moechte ich nicht sprechen.

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Liebe Tante Gertrud,

Viele Gruesse von den Andamanen schickt dir Anni. Hier ist es sehr schoen. Jeden Tag scheint die Sonne und das Meer ist warm, zumindest an der Oberflaeche. Das Essen ist auch sehr gut, am liebsten esse ich Donuts mit Nutella. Leider habe ich keine Zeit die Sehenswuerdigkeiten zu besichtigen, weil ich mein letztes Taschengeld ausgebe, um mir die Fische von unten anzuschauen. Mein Tauchlehrer hat gesagt, wenn ich eine Boje hinter mir herziehe und ein paar Unterwasserfotos mache, darf ich auch richtig tief tauchen. Habe ich gemacht, und weisst du, was es da unten gibt? Mantarochen! Leider ist es auf 30 Metern richtig kalt, so 30 Grad, deswegen muss ich jetzt immer zwei Tauchanzuege uebereinander anziehen. Weil ich nicht so viel Zeit an Land habe, kann ich nur Donuts essen und ein Hundebaby entwurmen und in der Haengematte liegen und Quatsch reden. Masu sagt, dass ich niemandem verraten darf, wie toll die Andamanen sind, weil dann ganz viele Touristen kommen und es dann nicht mehr so schoen ist, bitte erzaehl es also keinem weiter. Oder, wie wir im Buero sagen: Mach ma Kopp zu! Ich hoffe, es geht dir auch gut. Bis bald, deine Anni

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